DIE GROSSE TOUR DURCH DAS WALLIS

Eine Reisestory des MAGURA Riders Cedric Tassan.

Ich bin es gewohnt, mit dem Bio-Mountainbike die entlegensten Winkel der Welt zu erkunden, doch diese Tour ist eine Premiere: zum ersten Mal bin ich mit einem E-Bike unterwegs! Und dafür habe ich mir gleich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt – eine große Tour durch das Wallis in der Schweiz, das Nonplusultra der Alpen. 

Dieses Projekt begleitet mich schon seit Jahren. Ich bin ein großer Fan dieses Teils der Schweiz. Das Wallis fasziniert mich, weil es für mich die Essenz der Alpen verkörpert: ein weitgehend unberührtes Gebiet mit Landschaften von atemberaubender Schönheit. Es bräuchte wohl ein ganzes Leben, um jedes Tal und jeden Hang zu erkunden und wirklich jeden Weg zu kennen. Denn das Wallis ist durchzogen von mehr als 8.000 Kilometern markierter Wander- und Mountainbikewege. 

Eine große Tour hier zu unternehmen ist ein echtes ambitioniertes Vorhaben, allein schon wegen des imposanten Reliefs. Ein kurzer geografischer Überblick: Das Wallis ist einer der 26 Kantone der Schweiz und der drittgrößte. Es entspricht im Wesentlichen dem oberen Rhonetal. Der höchste Punkt ist die Dufourspitze mit 4.634 Metern – zugleich der höchste Berg der Schweiz – während der tiefste Punkt am Ufer des Genfersees auf 372 Metern liegt. Für uns als Radfahrer bedeutet das vor allem eines: sehr häufige und sehr lange Anstiege, oft mit mehr als 2.000 Höhenmetern am Stück (und entsprechend auch Abfahrten, wenn man unten startet). 

Man muss sich also ein breites, tief eingeschnittenes Tal vorstellen, durch das die Rhone fließt und das von gewaltigen Bergflanken eingerahmt wird. Und als wäre das nicht genug, verzweigt sich dieses Rhonetal wie ein Rückgrat in zahlreiche Seitentäler, die tief in die Berge hineinreichen: Val d’Anniviers, Val de Bagnes, Val d’Illiez, Val de Nendaz, Val d’Hérens, das Mattertal rund um Zermatt und viele mehr. 

Um Enttäuschungen auf unbekannten Wegen zu vermeiden, entscheide ich mich, auf meine Ortskenntnisse zu setzen und diese gezielt mit einigen sorgfältig ausgewählten neuen Abschnitten zu ergänzen. Ein großer Vorteil der Schweiz liegt im öffentlichen Verkehrsnetz, das für meine Art zu reisen der Schlüssel ist. Jede Gelegenheit wird genutzt, um Höhenmeter abzukürzen: Züge, Seilbahnen, Postautos – alles hilft dabei, schneller in die Höhe zu kommen. Denn je mehr Höhenmeter ich so „gewinne“, desto mehr kann ich anschließend aus eigener Kraft mit den Beinen weiterklettern. Und wenn sich unterwegs eine Berghütte anbietet, in der ich meine Akkus wieder aufladen kann, lasse ich mir das natürlich nicht entgehen. 

Für diese große Tour habe ich mich für das neue ONE von SUNN entschieden. Ich fahre es seit einigen Monaten und es ist für mich das vielseitige E-Mountainbike für alpine Touren schlechthin: 170 mm Federweg vorne, 160 mm hinten, ein vergleichsweise geringes Gewicht dank Carbonrahmen, eine sorgfältig abgestimmte Ausstattung, ein 800-Wh-Akku und der neue Bosch-Motor. Ich weiß, dass ich damit weit kommen werde – bergab wie bergauf. 

Im Vergleich zu sonst werde ich allerdings deutlich mehr Gepäck dabeihaben: eine Lenkertasche mit allen Ersatzteilen, eine kleine Rahmentasche für einen Teil des Reparaturmaterials und einen Rucksack, der ehrlich gesagt viel zu schwer ist. Darin befindet sich meine gesamte Ausrüstung für Foto- und Videoaufnahmen: zwei Drohnen, externe Akkus, eine Action-Cam, eine 360-Grad-Kamera, Ladegeräte und das restliche Reparaturmaterial. Letztlich bin ich also alles andere als leicht unterwegs – ein Punkt, den ich unbedingt bei der Reichweitenplanung berücksichtigen muss.

Auf nach Sion, mitten im Wallis. Die Stadt ist von Frankreich aus bequem mit dem Zug erreichbar, doch ich entscheide mich für meinen Van. Ich bin von Natur aus jemand, der lieber auf Nummer sicher geht. In diesem Fall wäre es schade, wenn das Projekt wegen eines technischen Problems frühzeitig enden müsste. Deshalb habe ich zusätzlich zu den beiden E-Mountainbikes – meinem und dem von Timothée, dem Fotografen, der mich begleitet – noch ein weiteres E-Mountainbike sowie ein klassisches Mountainbike mitgenommen. Beide Räder bleiben für alle Fälle sicher im Van verstaut. Außerdem habe ich einen gut ausgestatteten Werkzeugkoffer und einige Ersatzteile dabei. Und genau diese Vorsichtsstrategie wird sich am Ende der Reise noch als wertvoll erweisen. 

Ich komme bei einem heftigen Gewitter in Sion an. Die Temperatur fällt schlagartig von 40 auf 20 Grad! Ich parke meinen Van in der Tiefgarage von Valais Wallis Tourisme, die mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde. Nach einer erholsamen Nacht im Hotel geht es am frühen Morgen weiter: Ich steige in den Zug Richtung Martigny. Mein ONE ist dabei in den dafür vorgesehenen Fahrradstellplätzen sicher untergebracht. 

In Martigny erfolgt der Umstieg, um weiter ins Val de Bagnes zu gelangen. In Le Châble, der Endstation der Linie, nehme ich die Seilbahn hinauf nach Verbier. Diese Bahn gilt offiziell als öffentliches Verkehrsmittel und erspart vor allem den Menschen, die im Skigebiet arbeiten, lange Autofahrten. Deshalb ist sie auch von 5:15 Uhr bis 23:50 Uhr in Betrieb. 

Oben in Verbier angekommen, geht es direkt weiter mit der Seilbahn Les Ruinettes, die mich auf 2.200 Meter Höhe bringt. Schon während der Auffahrt öffnet sich ein beeindruckender Blick auf Verbier – die Aussicht ist schlicht großartig. 

Die frische, belebende Bergluft steigt mir in die Nase. Nach dem Gewitter des Vortags, das den Staub regelrecht aus der Luft gewaschen hat, ist die Atmosphäre klar und rein, die Sicht hervorragend: Ich erkenne sowohl das Combins-Massiv als auch den Mont-Blanc. Die ersten Kuhglocken klingen in meinen Ohren, während die Rhododendren in voller Blüte stehen. Alle Sinne sind geschärft – kein Zweifel, ich bin in der Schweiz. 

Nach einer wunderschönen Fahrt, bei der ich den Motor bewusst ausgeschaltet lasse, erreiche ich die Croix de Cœur, einen Pass, der den Übergang auf die Nordseite des Skigebiets markiert. Zum Einstieg habe ich mir eine blaue Strecke im Bikepark von Verbier vorgenommen: die Chôtatai, fünf Kilometer reine Abfahrt mit fast 700 Höhenmetern. 

Nach einem herrlichen Abschnitt durch die Almwiesen tauche ich in den Wald ein, wo mich eine Abfolge von Steilkurven erwartet. Das ist der perfekte Moment, um mich mit meiner gesamten „Charge“ vertraut zu machen. 

Im Dorf La Tsoumaz angekommen, beginnt eine lange Querung, die mich ins nächste Tal führen soll. Nach etwa zehn Kilometern durch wunderschöne Lärchenwälder erreiche ich das Val de Nendaz und das kleine Dorf Siviez. Von dort aus nehme ich den Sessellift Combatzeline, der mich wieder hinauf in die Almregion bringt. 

Es folgt eine weitere panoramareiche Überquerung bis zu einem einladenden Bergrestaurant. Die große Terrasse des „Les Chottes“ bietet eine spektakuläre Aussicht. Und als wäre das nicht genug, haben die Besitzer sogar einen Fahrradständer mit Steckdosen installiert. Ein Glücksfall – ich beschließe spontan, mein Bike aufzuladen. 

Nach einem guten Käsebrötchen steige ich wieder aufs Rad, das inzwischen zu 94 % geladen ist. Doch der Himmel hat sich inzwischen deutlich verdunkelt, und erste Regenschauer ziehen über die entfernten Hänge. Gut, dass ich vorher geladen habe: Direkt hinter dem Restaurant beginnt ein steiler Anstieg. Ich aktiviere die maximale Unterstützung. 

Weiter oben wird der Weg immer alpiner und verwandelt sich schließlich in einen Pfad. Ich beuge mich über den Lenker und versuche, so viel Gewicht wie möglich nach vorne zu bringen. Der Anstieg wird zunehmend steiler, bis ich schließlich absteigen und schieben muss. Zum Glück erleichtert die Schiebehilfe die Passage etwas, auch wenn ich mir gewünscht hätte, sie wäre feiner abgestimmt – weniger belastend für die Arme und besser an mein Schritttempo angepasst. Schließlich erreiche ich den Mont Rouge auf knapp 2.500 Metern Höhe. Und die Aussicht ist atemberaubend. Ich bleibe einen Moment stehen, um Fotos zu machen und die Landschaft auf mich wirken zu lassen. 

Doch das Wetter verschlechtert sich weiter. Ich verlasse den Gipfel und folge einem schönen Grat hinunter, bis ich die Gouilles erreiche – kleine Seen, wie sie im Walliser Dialekt genannt werden. Der Trail wird nun rauer, führt durch feuchte, felsige Passagen. Schließlich taucht die Hütte auf. Ich rette mich hinein – und kaum bin ich im Trockenen, bricht das Gewitter los. Heftig. 

Drinnen ist es angenehm warm. In der gemütlichen Hütte in Essertze teile ich den Hauptraum mit einer Gruppe Mountainbiker, die die Überquerung von Chamonix nach Zermatt machen, sowie mit einigen Wanderern. Die Atmosphäre ist entspannt und familiär, das Hüttenteam sehr herzlich. Der Abend vergeht unter strömendem Regen. Ich schlafe schließlich im Schlafsaal ein – und immerhin bleibt die Nacht frei von Schnarchkonzerten. Puh! 

Am frühen Morgen, nach einem guten Frühstück mit köstlichem hausgemachtem Brot aus der Hütte, geht es auf einem wunderschönen Weg zurück ins Tal – genau so, wie man die Berge am liebsten erlebt. Bikepark-Strecken stehen dabei weniger im Fokus; stattdessen sind es die klassischen, ursprünglichen Trails, die den Ton angeben. Entscheidend ist die Abwechslung: weite Kurven wechseln sich mit engen Kehren ab, schmale – teils ausgesetzte – Passagen folgen auf längere Querungen, dazwischen immer wieder schnelle, fließende Abschnitte. 

Im Val d’Hérémence angekommen, folgt ein längerer Anstieg – zunächst auf der Straße, später auf einem Weg. Begleitet wird er vom ununterbrochenen, ohrenbetäubenden Surren eines Helikopters, der geschlagenes Holz abtransportiert – in der Schweiz ein durchaus vertrautes Bild. 

Da der Akku am Vortag in der Hütte nicht geladen werden konnte, behalte ich den Ladestand ständig im Blick. Zum Glück steht keine allzu lange Etappe an. 

Beim Übergang ins Val d’Hérens wird die Strecke dann spektakulär: Links fällt der Hang steil ab, während der Blick nach vorne über eine ferne Kette von Gletschern schweift. Unterwegs führt die Route durch einige Weiler mit alten Holzchalets, bevor es schließlich hinunter nach Evolène geht. 

Dort endet der Tag unter grauem Himmel – es dürfte nicht lange dauern, bis der nächste Regen einsetzt. Nachdem das E-Mountainbike wieder geladen ist, bleibt Zeit zum Durchatmen auf der Terrasse – der Blick schweift in die Ferne, wo sich schemenhaft das Matterhorn abzeichnet. 

Der nächste Morgen beginnt zäh – ein langer Tag liegt vor mir. Um das Tal zu verlassen, führt die Route zunächst über eine lange Straße, bevor sie auf einen Weg durch die Almwiesen übergeht. Hinter dem hübschen Weiler Volovron beginnt eine wunderschöne Querung auf einem schmalen Wanderpfad. Immer wieder entsteht der Eindruck, als folge die Strecke einer alten Suone – jenen historischen Wasserkanälen, mit denen Gebirgsbäche gefasst und zu Almen und Weilern geleitet wurden. 

Ein weiteres Dorf liegt auf der Strecke, dann entscheide ich mich, auf einem markierten Weg querfeldein weiterzufahren. Der Anstieg zieht sich kontinuierlich weiter. Der Verbrauch liegt bei rund 10 % Akku pro 200 Höhenmeter – also etwa 2.000 Höhenmeter pro voller Ladung. Angesichts des Gesamtgewichts ein sehr guter Wert. Nach einer herrlichen Passage über die Almen stehen bereits 25 Kilometer und 1.300 Höhenmeter auf dem Tacho. 

Es folgt eine lange, traumhafte Abfahrt hinunter zur Rhône: von 2.300 Metern auf rund 500 Meter Höhe. Unten angekommen, geht es vom Bahnhof Saint-Léonard mit dem Zug weiter nach Sierre – eine Stadt im Wallis, dort, wo Französisch allmählich ins Deutsche übergeht. Vom Bahnhof bringt mich ein Bus ins Val d’Anniviers; das E-Mountainbike ist sicher auf dem Fahrradträger verstaut. 

Die Auffahrt ins Tal ist eindrucksvoll: schmal, hoch gelegen und mit einer anspruchsvollen Linienführung, die fast an Nepal erinnert – zum Glück perfekt asphaltiert. In Saint-Luc, einem typischen und besonders schönen Walliser Dorf, wartet ein Hotel mit spektakulärer Aussicht. Nach einer Runde im Pool geht es auf die große Terrasse hoch über dem Ort. Ein feines Fondue bei Sonnenuntergang rundet den Tag ab.

Ein neuer Tag auf dem Bike beginnt. Zunächst geht es zur Seilbahn von Saint-Luc – nur wenige Minuten später liegt das Bike bereits auf 2.200 Metern Höhe. Dort gäbe es zwar einen kleinen Bikepark, doch dafür bleibt keine Zeit: Ein langer Tag liegt vor mir, und die Wolken hängen tief über den Gipfeln. 

Nach einer weiteren Querung nutze ich den Sessellift von Tsapé, um 500 Höhenmeter zu überbrücken. Auch wenn die Strecke fahrbar wäre, entscheide ich mich bewusst dagegen – die Energie soll für das Kommende gespart werden. Ein schöner, leicht technischer Anstieg führt anschließend durch den Nebel hinauf zum Illsee-Pass auf 2.550 Metern. Damit heißt es Abschied nehmen vom Val d’Anniviers: Auf der Ostseite beginnt die Abfahrt. 

Der erste Teil ist extrem technisch, immer wieder ist ein kurzes Absteigen sinnvoll – einige Passagen sind schlicht ausgesetzt und anspruchsvoll. Weiter unten auf der Alm wird der Trail flüssiger und führt schließlich zu einem Staudamm. Die Querung eröffnet einen spektakulären Blick hinüber ins Rhonetal.  

Danach folgt ein Linksabzweig in eine wilde Abfahrt durch ein abgelegenes Tal. Zunächst bleibt sie technisch fordernd: enge Kurven, lose Steine, volle Konzentration. Nach einer flüssigeren Passage wartet ein besonders intensiver Abschnitt – schmal, steil, felsig und teils kaum einsehbar. Umso größer die Erleichterung, als ich schließlich die 1.800-Meter-Marke erreiche und der Trail in den Wald übergeht. Das Schwierigste liegt hinter mir. 

700 Höhenmeter hoch technischer Trail sind geschafft – nun folgen 1.300 Höhenmeter reiner Genuss. Diese Abfahrt wird zu einer echten Reise: wechselnde Untergründe, ständig neue Landschaften, kleine Siedlungen entlang des Weges. Ganz unten überquere ich die Bhutan-Brücke, die spektakulär in der Schlucht des Illhorns hängt – ein Moment, der sich plötzlich fast wie im Himalaya anfühlt. 

Jetzt heißt es Tempo machen: Der Zug nach Zermatt darf nicht verpasst werden. Im Waggon fällt eine praktische Steckdose ins Auge – perfekt, um während der Fahrt noch etwas Energie nachzuladen. Nach rund zwei Stunden erreicht die Strecke den wohl berühmtesten Ferienort der Schweiz. 

Zermatt wirkt wie eine andere Welt. Eingebettet zwischen den höchsten Gipfeln des Landes verdreifacht sich die Einwohnerzahl in der Hochsaison auf etwa 20.000 Menschen. Und heute herrscht Hochbetrieb: Am nächsten Tag steht der Zermatter Marathon an. In der überfüllten Hauptstraße drängen sich Urlauber aus aller Welt – besonders viele aus Asien –, die die Gletscherlandschaft bestaunen, während sich Bergsteiger auf den Aufstieg zum Matterhorn vorbereiten. 

So beeindruckend das Treiben auch ist, wächst der Wunsch nach Ruhe. Deshalb führt die Route hinüber auf die gegenüberliegende Talseite, direkt unter die ikonische Pyramide, die an das Logo einer bekannten Schokoladenmarke erinnert. Entlang des Zmuttbachs geht es zügig bergauf, auf einem wunderschönen Trail. Weiter oben verläuft der Weg schließlich entlang der Moräne des Zmuttgletschers. 

Dieser Ort wird im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung besonders aufmerksam beobachtet: Der Gletscher über Zermatt verändert sich sichtbar, und sowohl das Abschmelzen als auch mögliche Hangbewegungen können erhebliche Risiken mit sich bringen. 

Über einen schmalen Grat geht es weiter, fast wie ein Seiltanz – stets begleitet von einem grandiosen Blick auf die Nordwand des Matterhorns. 

Die Ankunft an der Schönbiel-Hütte bleibt nicht unbemerkt: Die Terrasse ist gut gefüllt, und für einen Moment richten sich alle Blicke auf das Bike. Heute Abend ist die Hütte ausgebucht – sie thront spektakulär auf einem Felsvorsprung und markiert eine der letzten Etappen der berühmten Haute Route zwischen Chamonix und Zermatt. 

Der Sonnenuntergang über dem Matterhorn ist schlicht überwältigend: Der Berg glüht in intensiven Rot- und Orangetönen. 

Am nächsten Morgen ist der Himmel geschlossen bedeckt. Wolken hängen tief und hüllen die Hütte vollständig ein, die Sicht ist praktisch gleich null. Statt blind abzusteigen, heißt es abwarten – mit Geduld kommt auch hier der Moment: Nach etwa zwei Stunden beginnt es aufzuklären. Es ist fast 9 Uhr, als der Abstieg endlich startet. 

Obwohl ich als Letzter losfahre, hole ich die ersten Wanderer rasch ein – ein klarer Vorteil des Bikes, das eine mühsame Etappe in reines Fahrvergnügen verwandelt. Weiter unten führt eine lange Querung zu einer felsigen Engstelle. Dort wird abgestiegen, um die Passage zu Fuß zu bewältigen. Der Übergang ist heikel. 

Dann passiert es: Auf einer Platte rutscht der Fuß weg. Durch das Gewicht des E-Mountainbikes wird der Schuh weitergezogen, bis er abrupt wieder Halt findet. Der Knöchel verdreht sich vollständig, der Knochen scheint beinahe den Boden zu berühren, begleitet von einem unheimlichen Knacken. Verdacht auf Bruch. 

Eine erste Einschätzung folgt schnell: äußerlich scheint nichts gebrochen. Da sich Schmerzen jedoch erfahrungsgemäß verschlimmern können, geht es so rasch wie möglich weiter ins Tal. Der Knöchel ist steif, aber noch belastbar. 

Es folgt eine weitere technische Passage. Vor einem beeindruckenden Wasserfall, mit dem Matterhorn im Hintergrund, tritt die Verletzung für einen Moment in den Hintergrund. Kurve um Kurve geht es bergab, begleitet von den erstaunten Blicken der Wanderer. Die Abfahrt zieht sich, anschließend folgt ein Gegenanstieg, der geschoben werden muss – keine ideale Position für den Knöchel. Also: Tempo machen, solange es noch geht. 

Eine geplante Variante wird gestrichen, um direkt nach Zermatt zu gelangen. Im Dorf herrscht Hochbetrieb: Der Marathon läuft, Hunderte Läufer mit Startnummern sind unterwegs. Eine genaue Lageeinschätzung wäre eigentlich nötig, doch in der Menschenmenge fällt es schwer, klar zu denken. 

Die Entscheidung fällt zugunsten einer Pause in einem ruhigen Restaurant. Das Bike wird zum Laden angeschlossen, dazu gibt es eine ordentliche Mahlzeit und über eine Stunde Erholung. Danach geht es weiter. Der Knöchel ist weit entfernt von stabil, hält aber erstaunlich gut durch. Vernünftig wäre ein Arztbesuch – dennoch bleibt es bei einem Kompromiss. 

Die ursprüngliche Route wird nicht fortgesetzt; es wären noch rund 50 Kilometer anspruchsvolles Gelände gewesen. Stattdessen konzentriert sich die Etappe auf den letzten Abschnitt, der etwa 30 Kilometer reine Schönheit verspricht. 

Mit dem Zug verlasse ich Zermatt und steige in Stalden aus, einem kleinen Ort auf dem Rückweg. Von dort bringt mich die Seilbahn hinauf nach Gspon – in eine ruhige Region mit weiten Almen und einem kleinen Weiler. Hier kehrt wieder Ruhe ein. 

Nach etwa 7 Kilometern und 400 Höhenmetern in eindrucksvoller Alpenlandschaft erreiche ich den Gibidumsee: ein wunderschöner Bergsee, in dem bereits einige Menschen baden. Der Knöchel schmerzt deutlich – das kalte Wasser wirkt wie eine willkommene Erleichterung. Danach beginnt eine lange Abfahrt: zunächst schnell über Almwiesen, später technisch anspruchsvoll im Wald. Da der Fuß keinen sicheren Halt bietet, wird immer wieder abgestiegen, um auf Nummer sicher zu gehen. 

Die Abfahrt zieht sich weiter. Schließlich wird ein Schmerzmittel eingenommen. 

Eine Rechtskurve leitet auf einen steilen Weg am Ende einer Schlucht. Nach einigen technischen Kehren wird diese über eine Brücke überquert – auf der anderen Seite beginnt sofort ein felsiger Anstieg. Die Schmerzen nehmen deutlich zu, es geht nur noch mit zusammengebissenen Zähnen. 

Der Trail ist schmal, steinig und körperlich fordernd. Das Schieben des Bikes wird zur Tortur, der linke Fuß wirkt instabil und kraftlos. Nach rund 20 Minuten öffnet sich ein besser fahrbarer Abschnitt, und es geht wieder etwas schneller voran. Anschließend folgt eine Abkürzung über einen extrem steinigen Pfad – die Vibrationen sind brutal. 

Um 18:30 Uhr ist schließlich Brig erreicht – Zeit für Erholung. 

Am nächsten Tag fällt die Entscheidung für das Krankenhaus in Visp: Die Schmerzen bestehen weiterhin. Nach Röntgen, Untersuchung und 825 Euro weniger verlasse ich die Klinik mit einer Schiene am Fuß – Diagnose: schwere Verstauchung. 

Am Nachmittag geht es dennoch weiter: erst mit dem Zug, dann mit der Seilbahn hinauf ins idyllische Dorf Bettmeralp, wo die Regeneration im Vordergrund steht. Das Wetter zeigt sich wenig einladend – Nebel und Nieselregen bestimmen die Atmosphäre. Eine lange Siesta im kleinen Holzzimmer unter dem Dach bringt dennoch neue Energie. 

Am folgenden Tag folgt ein neuer Versuch: Der Aletschgletscher soll erreicht werden – der größte Gletscher der Alpen. Das E-Mountainbike ist vollständig geladen, alles läuft im „Turbo-Modus“, mit möglichst geringer Belastung für den Fuß. Über einen Panoramaweg führt die Strecke durch einen langen Tunnel bis in die Nähe des Gletschers. Ein Aussichtspunkt scheint greifbar, doch der flache, sehr steinige Weg kostet mehr Kraft als gedacht – also wird umgedreht. 

Der Wunsch nach einer alternativen Rückroute bleibt jedoch bestehen: Ein spektakulärer Balkonweg ist bekannt. Also wird es versucht. Überraschenderweise hält der Knöchel besser als erwartet – technische Abfahrten werden vorsichtig angegangen, und mit zunehmender Distanz lassen die Schmerzen sogar etwas nach. 

Nach einer Fahrt mit der Eggishornbahn, um den Eisriesen aus nächster Nähe zu bewundern – ein echtes Naturwunder, das man gesehen haben muss –, folgt noch ein Highlight: der Flowtrail in diesem Gebiet. Danach geht es zurück ins Tal. Am Ende stehen 40 Kilometer auf dem Tacho. 

Zurück in Brig zeigt der Wetterbericht bereits klar: Morgen wird es wieder unbeständig. Also wird der Tag bewusst zur Erholung genutzt. Ein Kontakt mit Ryan vom Tourismusbüro in Leukerbad bringt einen passenden Vorschlag: früher anreisen und die Thermalbäder genießen. Ein Angebot, das gerne angenommen wird – bequem geht es mit dem Postauto zur Station. 

Am nächsten Morgen setzt Dauerregen ein, die Temperaturen sind deutlich gefallen. Der Vormittag in den Thermen bietet die perfekte Gelegenheit, neue Energie zu tanken. Gegen Mittag steht der Gemmipass auf dem Programm – Endstation einer spektakulären Seilbahn, die sich an den steilen Felswänden über dem Dorf hinaufzieht. Oben herrschen bereits winterliche Bedingungen: Schneefall, eisiger Wind und feine Flocken, die ins Gesicht peitschen. Zurück im Warmen gibt es eine Rösti mit spektakulärem Blick – ein starker Kontrast zum Wetter draußen. Am Nachmittag schließlich die Wende: Der Himmel klart auf, und für den nächsten Tag wird gutes Wetter angekündigt. 

Am Morgen danach zeigt sich ein unglaublich klarer Himmel. Es wird schnell gepackt, dann geht es mit der Seilbahn hinauf zur Rinderhütte. Auf 2.300 Metern ist die Aussicht spektakulär: tief verschneite Berge, klare Luft, ein eindrucksvolles Panorama. 

Die geplante Route gilt als eine der schönsten im Wallis – ein lang gehegter Wunsch. Ryan stößt dazu und begleitet die Etappe. Durch weitläufige Schweizer Almen führt der Weg dahin, in einer Landschaft, die kaum eindrucksvoller sein könnte. Und wenn es tatsächlich der letzte Tag sein sollte, dann soll es genau dieser sein.

Zur Mittagszeit ist ein kleiner Weiler eingeplant. Im Restaurant Trächu Hittu werden wir herzlich empfangen. Auf den Tisch kommt eine Cholera – eine typische, herzhafte Pastete aus dem Oberwallis mit Kartoffeln, Lauch, Zwiebeln, Äpfeln und Käse. Der ungewöhnliche Name geht auf die Zeit der Epidemien zurück, als man schlicht verarbeitete, was gerade verfügbar war. Das Gericht ist ausgezeichnet, und die Gastgeber servieren mit spürbarer Hingabe frische, regionale Produkte. 

Für den zweiten Teil des Tages spielt das E-Mountainbike seine Stärken voll aus: Eine asphaltierte Rampe wartet – 1,4 Kilometer und fast 250 Höhenmeter am Stück. Nach einem hübschen Weiler führt die Route weiter über einen Pfad durch felsige Almwiesen. Oben angekommen beginnt die Abfahrt – schlichtweg beeindruckend: schnell, stellenweise technisch, mit flüssigen Kurven und immer wieder spektakulären Ausblicken. 

Im Wald setzt sich das Spektakel fort: Die Route führt durch alle Vegetationsstufen hinab. Von 2.400 Metern geht es hinunter bis auf 600 Meter, begleitet von durchgehend großartigen Ausblicken auf die Landschaft. Der Schlussabschnitt verläuft über einen felsigen, stark ausgetrockneten Weg – typisch für die Südhänge des Wallis, wo man stellenweise sogar Zikaden hören kann. 

Unten angekommen fällt die Entscheidung: Diese große Tour mit dem E-Mountainbike endet hier. Zwei weitere Tage wären noch möglich gewesen, doch angesichts des angeschlagenen Knöchels ist es bereits ein Erfolg, die Tour überhaupt bis hierher geschafft zu haben. Es geht zurück nach Sion, um das Auto abzuholen. 

Als schließlich das Kern – ein nur 13 Kilogramm leichtes All-Mountain-Bike – im Kofferraum liegt, entsteht eine neue Idee: Warum nicht das E-Mountainbike zurücklassen, das Gepäck radikal reduzieren und einen letzten Tag versuchen? Für den nächsten Tag ist nämlich eine der längsten Abfahrten des Wallis geplant, inklusive Tragepassagen. Mit einem E-Mountainbike wäre das ohnehin nicht machbar. 

Die Entscheidung ist schnell getroffen: Das Kern wird genommen, ein Großteil der Ausrüstung bleibt zurück. Nur die Badehose darf nicht fehlen – das Hotel in Crans-Montana verfügt über einen beeindruckenden Pool. Bleibt nur eine Frage: Hält der Knöchel diesen letzten Abschnitt des Abenteuers noch aus? 

Praktische Informationen:  

  • Anreise: mit dem Flugzeug über den Flughafen Genf, mit dem Zug bis ins Wallis oder mit dem Auto (bitte die Schweizer Autobahnvignette kaufen).  
  • Infos: Alle Informationen über den Kanton finden Sie auf der Website des Fremdenverkehrsamtes:  

https://www.valais.ch/fr

(Bilder von Tim Demarchi)